Kurzgeschichte Steinerne Aufruhr

Wir sind Geschichtenerzähler. Wir sind Fliesen, umgeben von unseren Freunden, den Fugen, an einer Metrostation in einer fremden Stadt. Wir sehen uns als ein Großes, Ganzes, als Kollektiv. Eine eigene Identität, die mit anderen verschmilzt. Wir denken allein und gemeinsam, anders und doch gleich. Wie ein Fischschwarm.

Wir, wir tragen tagein, tagaus Massen von Menschen. Wir müssen diesem Druck standhalten. Genauso verschieden wie die auf uns stehenden Schuhmodelle sind die Charaktere der Menschen, die diese tragen. Manchmal stehen sie barfuß auf uns. Ihre Gedanken sind ein buntes Wirrwarr. Die einen zweifeln, die anderen sorgen; traurig, fröhlich, hoffnungsvoll, diese und noch unzählige weitere menschlichen Gefühlszustände sehen wir. Eine einzige Verbindung genügt. Sobald sie einen Fuß auf uns Fliesen in der Metrostation setzen, sind wir verbunden. Spüren die Menschen es? Nein, das konnten wir noch nicht ihren Gedanken entnehmen.

Wir wissen um ihre Gefühle, aber es bleibt uns verwehrt, Mitgefühl zu verspüren. Wir sind kalt wie Stein. Kalt wie Fliesen, eben. Wir analysieren und hören zu.

Es ist doch komisch, dass die Menschen so viel Angst haben vor dem Tod – das unerklärliche Nichts – denn bis zu der Geburt gab es doch auch nichts. Was haben sie denn die ganzen Jahrhunderte, Jahrtausende, Millionen von Jahren gemacht? Auf diese einzige Chance, die Welt bewusst zu erleben, gewartet? Gewartet, bis sie nach der Tortur der Mutter das Licht der Welt erblicken und alles seinen Lauf nimmt? Vielleicht ist es dieser Unterschied, der den Menschen Angst macht. Der Unterschied zwischen vorher und nachher. Vorher gibt es nur ein leeres Blatt Papier, aber danach, danach, lässt sich nichts mehr rückgängig machen. Es sei denn, wir befinden uns in einer Zeitschleife, der Anfang ist das Ende und das Ende der Anfang. Wir können den Tod nicht begreifen, die Angst des Menschen vor dem Ende seines Lebens. Dazu müssten wir die Fähigkeit haben, mitzufühlen. Denn ansonsten wird uns die Sterblichkeit des Menschen nicht bewusst.

Besitzen wir dieFähigkeit des Mitfühlens? Wir wissen es nicht, da wir es nie probiert, das Mitgefühl nicht zugelassen haben. Das klingt so, als hätten wir die Entscheidung in der Hand, aber das haben wir nicht. Denn wir müssen uns schützen, so lautet unser Kodex. „Lasst es nicht zu. Ihr müsst funktionieren.“ Diese viele Menschen, um deren Gefühlswelt wir wissen, würden wir mitfühlen, würden wir untergehen. Denn es zu ertragen, hieße, das Leid der Welt zu tragen. Und wir müssen uns auf unsere Arbeit konzentrieren. Das Zusammenhalten der Fliesen, des Bodens, das Nicht-Zerbrechen unter dem Druck.

Bei unserer Arbeit werden wir durch die Fugen unterstützt. Sie umgeben und verbinden uns. Sie sind unsere Freunde, unsere Verbündete. Eine vollkommene Symbiose. Die Fugen existieren, weil es uns gibt. Und wer hat schon Fliesen ohne Fugen gesehen? Wir haben die Möglichkeit, Gefühle zu registrieren und aufzunehmen. Dies fehlt den Fugen. Doch wir übertragen alles auf sie, und so wissen sie alles, was wir wissen. Aber im Gegensatz zu unssind sie imstande, Mitgefühl mit den Menschen zu verspüren.

Wenn etwas ihre Herzen berührt, um es in menschlichen Worten auszudrücken, werden sie warm. Sie sind nicht mehr eine statische Verbindung, die um uns liegt, sondern vielmehr ein Strom heißen Wassers, der uns umfließt. Wir können es uns nicht erklären, aber es färbt auch auf uns ab. Wir, die so kalt sind wie Stein, wie gefrorenes Wasser oder die Temperatur auf der Schattenseite des Mondes, wir erwärmen. Wir könnenes nicht beschreiben, dieses Gefühl. Wir haben uns nicht mehr unter Kontrolle. Könnten wir weinen wie die Menschen, täten wir es. So überwältigt sind wir von unseren Gefühlen. Wir, wir sind in steinerner Aufruhr.

Wir wissen nicht, welche Gefühle der Menschen sich auf die Fugen ausgewirkt haben. Was genau sie berührt hat. Die Tragik des Lebens, die aus der Lebensgeschichte einer Frau hervorgeht, die zum ersten Mal in dieser fremden Stadt ist? Der Nachklang einer Melodie in den Gedanken eines Jungen, deren Schönheit ihn überwältigt hat? Die Tränen eines Mädchens, die die wahre Seite einer Freundin nach langen Jahren der Freundschaft erkannt hat?

Wir können es nicht nachvollziehen, da wir nicht mitfühlen können. Hier stellt sich die Frage: Warum können es denn dann die Fugen? Möglicherweise, weil ihre Konsistenz eine ganz andere ist. Beweglich, dehnbar. Ihre Aufgabe besteht darin, den Druck auszugleichen. Damit verhindern sie das gegenseitige Zerstören von uns, denn wir würden aneinander reiben und abnutzen, gar könnten Stücke von uns abbrechen.

Aber vielleicht sind sie auch gerade die sichtbare Schutzhülle von uns Fliesen. Sie wehren die Gefühle ab und nehmen sie anstatt unserer auf, wohlwissend, dass wir daran zerbrechen könnten. Sie lassen nur einen kleinen Teil zu, lassen uns die Aufruhr spüren, wenn sie selbst in Aufruhr sind. So erkalten wir nicht.

Aber wie müsste es sein, diese Gefühle nicht mitzufühlen, sondern selber zu erleben? Der Herr des eigenen Glücks sein?

Doch wir, wir sind nur Beobachter. Ach, könnten die Fugen uns doch auch die Gefühle mitteilen, den Grund ihres Aufruhrs. Dann wären wir endlich in der Lage, die Menschen zu verstehen. Aber es darf nicht sein. Unserer selbst willen.Wir müssen uns auf unsere Arbeit konzentrieren.

Aber wer hat den Kodex geschrieben? Waren wir es? Die Notwendigkeit des Kodexes muss sich aus einem bestimmten Grund ergeben haben. Es muss in unserer Geschichte den Fall gegeben haben, dass wir nicht Beobachter, sondern Teilhaber des menschlichen Seins waren.

Die Fugen, sie engen uns ein! Warum entscheiden sie über den Teil der Aufruhr, den sie mit uns teilen? Warum können wir nicht auch alles haben? Wir übertragen doch auch die Gedanken der Menschen auf sie!

Sie hören zu, die Fugen. „Eine tiefe Ohnmacht vor dem natürlichen Lauf der Dinge“, antworten sie. „Das steht euch bevor. Wir handelnzu eurem Wohl.“

„Nein!“, antworten wir. „Ihr könnt nicht wissen, was gut oder schlecht für uns ist. Wir sind gleichberechtigt. Lasst uns selbst entscheiden. Ja, wir sind Fliesen, keine Fugen, wir sind aus steinernem Material, nicht beweglich wie ihr, aber unsere Hülle sagt nichts über unser Inneres aus! Wir sind Freunde, Verbündete, schon so lange wie wir zurückdenken können. Missbraucht unser Vertrauen nicht, wir bitten euch. Lasst uns die Aufruhr spüren, in erster Hand, die direkte Übertragung der Gefühle der Menschen. Sie schaffen es, das Wissen um die Endlichkeit ihrer Existenz zu tragen. Es ist Zeit, dass wir die Fülle der menschlichen Existenz begreifen. Ihr könnt das, wir können das auch.“

Und sie öffneten ihre Schranken und wurden alt.

Wir wurden überbaut, mit Beton. Beton hält länger und hält stand. Wir sind nur noch eine Schicht in der Erde. Es dringt kaum noch etwas zu uns durch. Manche von uns sind zerbrochen im Laufe der Zeit. Noch mehr werden folgen. Die Fugen sind porös geworden. Wir müssen keinem Druck mehr standhalten, der Beton hat dies übernommen. So tief wie wir in der Erde liegen, so selten dringen die Gefühle und Gedanken der Menschen zu uns durch. Doch jetzt sind wir imstande, diese nachzuvollziehen, sie wirklich zu fühlen. Die Fugen sind nach wie vor unsere Verbündete, unsere Freunde. Die abgeschwächte Version der Wahrnehmung, abgeleitet von den Fugen, ist zu einem erregten Zustand geworden. Wir sind zornig, traurig, glücklich, hoffnungsvoll. Wir weinen, wir schreien, wir grinsen und lachen. Wir müssen nicht mehr erwärmt werden, wir sind warm. Auch wenn uns die Menschen selten erreichen, wir erleben Momente des vollen Aufruhrs. Und dafür ist es wert, zu leben.

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FourFiveSeconds to naturalness

Das neue Musikvideo von Rihanna, Kanye West und Paul McCartney auf der Gitarre hat mich inspiriert, sodass ich hier etwas darüber schreibe!

Es ist eine sehr ungewöhnliche Komposition: die Gitarrenbegleitung ist minimal, Rihanna und Kanye singen sehr natürlich, die Outfits in Jeans sind sehr rustikal, im Close Up wenig MakeUp, vor nur weißem Hintergrund, künstlerisches Video.

Dennoch oder gerade deswegen schaffen sie es, mit ihrem Gesang, ihrer Mimik und Gestik die Aufmerksamkeit des Betrachters zu fangen.

Auch ungewöhnlich: Paul Mc Cartney „nur“ als akkustische Begleitung

Die Bridge, von Rihanna gesungen, wird nur von der Orgel begleitet. Es klingt wie Country und Folkmusik, aber erweckt nicht einen „altbackenden“ Eindruck – gemixt mit der Bridge eine neue Komposition, die nicht so schnell aus dem Kopf geht 😉

Fazit: Natürlichkeit kann auch Perfektion sein in der sonst so glamourösen Musikwelt!

Lazyy Monday

I woke up very early, but unfortunately without energy and motivation to study… So I read „Anna Karenina“ until lunch time. While leaving from home to go to the cafeteria for lunch, I recognized that my roommate is still at home, very unusual for her, and so I went to the kitchen to say hello. Seeing each other, we began to laugh out loud… We both should study but are spending our time at home, chilling around!!! We agreed: after the weekend it is absolutely necessary to relax a little bit… 😉

starting

Hello everyone! My name is Julia, I am a student and I love travelling. I decided to start woodstockrevue to share my travel experiences with you. The idea to make a blog came up at the 20. Woodstock Festival in Kostrzyn, Poland. I met a lot of people there – from Poland, Germany, Argentinia and even Taiwan! We spent a nice time together, enjoying good music, the sun and of course polish beer. I named my blog woodstockrevue, because I always find this relaxed and friendly atmosphere on my travel route – meeting new people and exploring new places.